Auftakt zur Diskussionsreihe 2026: Position der Frauen in der Schweiz
Es wurde viel erreicht, und doch liegt noch ein Weg vor uns. Die Auftaktveranstaltung zur Diskussionsreihe 2026 zeigte, wie komplex, vielschichtig und aktuell das Thema Gleichstellung in der Schweiz weiterhin ist.
„A promise is what we build, not just words on paper.“ Mit diesem Satz eröffnete Dr. Başak Ovacık, Präsidentin von University Women of Europe (UWE), die erste Veranstaltung der Reihe „Position der Frauen in der Schweiz“ und brachte damit das Thema auf den Punkt. Fortschritt entsteht nicht von allein. Gleichstellung ist nichts, was einmal erreicht und dann abgehakt ist. Sie muss immer wieder neu erarbeitet, verteidigt und weitergedacht werden.
Mit dieser Veranstaltung startete der Schweizerische Verband der Akademikerinnen (SVA) in die Diskussionsreihe 2026 zum Jahresthema.
Fortschritt – und der Weg, der noch vor uns liegt
In ihrem Referat spannte Başak Ovacık den Bogen von den Errungenschaften der letzten Jahrzehnte bis zu den Herausforderungen, die noch vor uns liegen. Vieles habe sich verbessert – in Bildung, Beruf, Politik und gesellschaftlicher Teilhabe. Gleichzeitig sei eine tatsächliche Gleichstellung noch nicht erreicht. Denn, zwischen dem, was rechtlich gilt, und dem, was tatsächlich gelebt wird, gebe es weiterhin eine Distanz.
Um diese Distanz zu überbrücken, brauche es Engagement, Solidarität und eine hartnäckige Weigerung, den Status quo einfach zu akzeptieren. Oder wie sie es formulierte: „Progress is a construction project – and we are all builders.“
Gleichstellung sei dabei nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch eine Frage der Qualität von Entscheidungen und Organisationen: Diverse Teams und Führungsgremien sehen nicht nur besser aus – sie sind auch erfolgreicher.
Errungenschaften sind nicht selbstverständlich
Durch den Abend führte Dr. iur. Claire A. Daams, MA LL.M., die die Veranstaltung moderierte. Sie griff den Gedanken des Fortschritts auf und wies darauf hin, dass viele Errungenschaften nicht in Stein gemeisselt sind. In verschiedenen Bereichen beobachten wir derzeit einen Backlash – geografisch, politisch und wirtschaftlich. Gleichstellung verläuft nicht linear, sondern in Wellen. Sicher gewähnte Fortschritte können auch wieder verloren gehen.
Damit stellte sie gleichzeitig die zentrale Frage des Abends und des Jahresthemas: Was können wir konkret tun – dieses Jahr und darüber hinaus?
Diese Frage zog sich wie ein roter Faden durch die weiteren Referate.
Gleichstellung im Alltag
Dr. Stéphanie Lachat, Co-Direktorin des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann, zeigte in ihrem Referat anhand verschiedener Lebensbereiche, wo weiterhin Unterschiede zwischen Frauen und Männern bestehen, unter anderem in den Bereichen Bildung, Erwerbstätigkeit, Familienarbeit, Alter und Gewalt.
Besonders deutlich wurde dabei: Rechtliche Gleichstellung bedeutet nicht automatisch tatsächliche Gleichstellung. Zwischen Gesetzestext und gelebter Realität bestehen nach wie vor grosse Unterschiede. Gleichstellung muss sich nicht nur in Gesetzen, sondern im Alltag, in Lebensläufen, in Karrierewegen, in Einkommen und in Lebensrealitäten zeigen.
Sport ist nicht neutral
Einen historischen und gesellschaftlichen Blick auf das Thema verschaffte Dr. des. Yvonne Schüpbach, assoziierte Forscherin am Historischen Institut der Universität Bern. Sie zeigte, dass Sport kein neutraler Raum ist, sondern gesellschaftliche Machtverhältnisse widerspiegelt.
Frauen wurden lange auf ihre Rolle in Familie und Reproduktion reduziert, was auch zu Einschränkungen im Sport führte. In der Schweiz gab es in gewissen Bereichen Sportverbote für Frauen bis in die 1990er-Jahre. Gleichzeitig bot Sport Frauen aber auch die Möglichkeit, in den öffentlichen Raum zu treten, ihren Körper selbstbestimmt zu nutzen und neue Rollenbilder zu entwickeln.
Bis heute zeigen sich jedoch grosse Unterschiede, etwa bei Finanzierung, Strukturen, Bezahlung oder Trainingsbedingungen. Besonders sichtbar wird hier erneut die Diskrepanz zwischen rechtlicher Gleichstellung und tatsächlicher Situation von Frauen.
Finanzen sind Gleichstellungsthemen
Den Abschluss machte Céline Meier, Ökonomin, CFO und Redaktorin bei ElleXX, mit ihrem Referat zu Finanzen und Frauen. Sie zeigte, wie finanzielle Bildung, Einkommen, Teilzeitarbeit, Vorsorge und Vermögensaufbau das Leben von Frauen über alle Lebensphasen hinweg beeinflussen. Tatsache ist jedoch, dass viele Frauen nach wie vor weniger Zugang zum Wissen über Finanzen und Investitionsmöglichkeiten haben.
Finanzielle Fragen sind deshalb immer auch Gleichstellungsfragen – von der Kindheit über Ausbildung und Familienphase bis ins Alter. Wer über Gleichstellung spricht, spricht unweigerlich auch über Geld, finanzielle Unabhängigkeit und langfristige Absicherung. Für viele Frauen fehlt es daran.
Diskussion und ein gelungener Auftakt
In der anschliessenden Diskussion wurde deutlich, wie viele Fragen noch immer offen sind: Wie schliessen wir die Lücke zwischen rechtlicher Gleichstellung und gelebter Realität? Wie gehen wir mit aktuellem Backlash und Retraditionalisierung um? Welche Rolle spielen Bildung, Netzwerke, Sport, Finanzen oder politische Rahmenbedingungen? Und vor allem: Stimmt das Narrativ über die Gleichstellung?
Die Diskussionen waren engagiert, kritisch und sehr spannend und zeigten, wie relevant das Thema weiterhin ist.
Die Veranstaltung war ein gelungener Auftakt zur Diskussionsreihe 2026. Sie hat gezeigt, dass Gleichstellung viele Lebensbereiche betrifft – Bildung, Arbeit, Sport, Finanzen, Politik und gesellschaftliche Rollenbilder – und dass Fortschritt nie selbstverständlich ist.
Oder, um den Abend mit den Worten von Başak Ovacık zu schliessen: Fortschritt entsteht nicht von allein – er wird gebaut.
Ein herzlicher Dank geht an die Referentinnen, die Moderatorin und alle Gäste für die spannenden Beiträge und Diskussionen. Wir freuen uns auf die kommenden Veranstaltungen im Rahmen des Jahresthemas.